Jessica Winkler ist ehemalige Teilnehmerin im BFW Düren. Nachdem sie 2021 einen Augeninfarkt erlitt, erblindet sie von den einen auf den anderen Tag. Das zwang sie dazu, nicht nur ihren Alltag sondern auch ihren beruflichen Weg umzukrempeln.
Wie sie zum BFW Düren kam und alles weitere zu ihrer Geschichte erzählte Sie jetzt in der September-Ausgabe der Zeitschrift „Meins“.
Nicht für Screenreader geeignet: Lesen Sie in dieser PDF den gesamten Artikel.
Für Screenreader geeignet: Der Text des Artikels ist im Folgenden noch einmal abgetippt.
Generation WOW – Begegnungen – von Caren Hodel
Und plötzlich war es dunkel …
Von einem Tag auf den anderen blind: Ein Augeninfarkt bringt die Welt von Jessica Winkler (47) ins Wanken. Wie sie zurück ins Leben findet und dabei sogar über sich selbst hinauswächst …
Schwungvoll lässt Jessica den weißen Stock über den Boden gleiten. „Das Ding ist so was wie mein drittes Auge“, sagt sie und tippt ihn beim Gehen immer dort auf, wo der nächste Fuß auftreten soll. „Wenn man den Dreh raushat, ist es gar nicht schwer.“ Jessica wirkt fröhlich, mit sich und der Welt im Reinen. Diese Haltung hat sie sich erobert, nachdem ihr Leben an einem kalten Februarmorgen 2021 von jetzt auf gleich aus den Fugen geriet. „Ich saß morgens vor meinem Kaffee, spürte einen Schmerz in den Schläfen, und dann war plötzlich alles schwarz.“ Panisch tastet sie nach dem Handy, ruft eine Freundin an, die sie ins Krankenhaus bringt. Nach der Untersuchung steht fest: Ein Augeninfarkt, verursacht durch eine Durchblutungsstörung der Netzhaut, hatte das Gewebe zerstört. „Eine vollständige Erblindung ist dabei höchst selten“, weiß Jessica. „Aber leider war ich einer dieser seltenen Fälle.“
„Meine Hündin Amy hat mich motiviert, nach vorn zu schauen“
Von einem Tag auf den anderen zerfällt der vertraute Alltag in Scherben. „Meine Kinder waren bereits ausgezogen. Ich fühlte mich hilflos. Verloren und zu nichts nutze.“ Freunde begleiten sie zu Arztterminen, kochen und helfen bei den Papieren für die Krankenkasse.
Stück für Stück geht es voran. Durch den Mobilitätstrainer, der Jessica zeigt, wie sie sich
mit dem langen Stock orientiert, in Supermärkten zurechtfindet und sicher die Ampeln
überquert. Und dann ist da noch ihre Hündin Amy, die sie antreibt. „Ich wollte endlich wieder unsere geliebten Runden laufen.“ Und Jessica will wieder arbeiten. In der Fertigung, in der sie zuvor Kabel gelötet hat, ist das nicht mehr möglich, aber sie ist zuversichtlich, dass etwas anderes kommen wird. Das Bauchgefühl täuscht sie nicht. Über ihren Mobilitätstrainer erfährt Jessica vom Berufsförderungswerk in Düren, ein Anlaufpunkt für Späterblindete. Hier lässt sie sich beraten, lernt die Blindenschrift und lässt sich zur Verwaltungsfachangestellten ausbilden.
„Die Landesqualifikation habe ich mit Bravour bestanden“, sagt sie strahlend. „Das hätte ich mir damals, als Sehende, nicht zugetraut!“ Vieles hat sich seit dem 15. Februar 2021 verändert. Allem voran ihre Sinne. Riechen, schmecken, hören. „Früher war ich oft von Äußerlichkeiten abgelenkt, heute habe ich sehr feine Antennen für Stimmungen. Ich merke, ob sich jemand wohlfühlt oder nicht.“
So spürt sie auch, wer mit vollem Herzen an ihrer Seite steht. „Einige Freunde waren mit der Situation überfordert, mit anderen bin ich enger zusammengewachsen. Auch neue Menschen sind in mein Leben getreten.“
Ein Leben, das Jessica sich neu erkämpft hat – und in dem sie sich nicht einschränken lassen will. „Fremde um Hilfe zu bitten, fiel mir lange schwer, aber wenn man auf eigenen Beinen stehen will, geht es nicht anders.“ Klebepunkte an der Kaffeemaschine, Leitlinien auf dem Boden oder die Sprachausgabe auf dem Handy helfen Jessica im Alltag. Vieles kann sie mittlerweile sicher ertasten: ihr Lieblings-Shampoo im Supermarkt, Kleidungsstücke im Schrank, Geldmünzen. Den meisten Hilfsmitteln, die es für Blinde gibt, schenkt sie bewusst keine Beachtung: „Ich mag keinen Technik-Schnickschnack im Haus. Ich verlasse mich lieber auf meinen Kopf. Der funktioniert zum Glück noch ausgezeichnet!“
Natürlich gibt es Dinge, die sie vermisst aus dem alten Leben. Das Lächeln ihrer Kinder, die unzähligen Grüntöne in den Wäldern oder das Autofahren. „Meinen Ford habe ich geliebt. Spontan einsteigen und an den See düsen. Jetzt muss ich mit dem Bobbycar vorliebnehmen.“ Mit Galgenhumor trägt sich vieles leichter, findet Jessica, die heute in der Bezirksregierung Münster arbeitet. Wenn sie zum Beispiel im Büro zum x-ten Mal am Feuerlöscher hängen bleibt oder die Plätzchen windschief aus dem Ofen kommen.
Und hier und da hat Blindsein sogar Vorteile, sagt sie: „Ich brauche zum Schminken keinen Spiegel, lasse mich beim Einkaufen nicht von Angeboten verführen und spare Strom, weil das Licht aus bleibt.“ Wer Jessica kennt, weiß, dass sie sich nicht unterkriegen lässt. Und ungern auf der Stelle tritt. Immer wieder läuft sie Wege, die sie nicht kennt. „Wen ich mich verlaufe, schicke ich meinen Mädels einfach den Standort. Einer ist immer da, der mich einsammelt. Ich habe gelernt zu vertrauen. Auch das ist eine Erfahrung, die ich auf keinen Fall missen möchte.“
